Veröffentlicht von Adrian Vogel · Lesedauer: ca. 4 Minuten
Du stehst im Keller, eine Kiste in der Hand. Seit Jahren hat sie niemand aufgemacht. Soll ich sie entsorgen? Es fühlt sich falsch an. Was dahinter steckt? Der so genannte Endowment-Effekt: Wir schätzen einen Gegenstand als wertvoller ein, sobald er uns gehört – denselben Gegenstand, den wir als Fremde kaum beachten würden. Dieser Besitztumseffekt erklärt einen großen Teil davon, warum Loslassen so schwerfällt. Hier liest du, was die Forschung dazu sagt, warum Zählen beim Ausmisten hilft und warum wir Menschen ausgerechnet dann wegschauen, sobald es unangenehm wird.
Kurze Erklärung
Den Begriff Endowment-Effekt hat der Ökonom Richard Thaler 1980 geprägt. Auf Deutsch heißt er Besitztumseffekt, und er sagt schlicht: Meins ist mehr wert als deins – auch wenn es das gleiche Objekt ist. Dein alter Plattenspieler ist dir mehr wert als jedem Fremden. Nicht wegen des Marktpreises, sondern weil er deiner ist. Das ist keine Schwäche, sondern ein gut belegtes Muster. Und wer es kennt, kann es umgehen.
Das Tassen-Experiment und was es über den Keller aussagt
Der Klassiker dazu stammt von Daniel Kahneman, Jack Knetsch und Richard Thaler (1990). An der Cornell University bekam die Hälfte der Studierenden eine Kaffeetasse aus dem Uni-Shop, die andere Hälfte nicht. Dann durfte gehandelt werden. Eigentlich hätten etwa die Hälfte der Tassen den Besitzer wechseln müssen. Passierte aber kaum: Die Besitzer wollten rund das Doppelte von dem, was die anderen zahlen wollten. Und das bei Tassen, die Minuten vorher per Zufall verteilt worden waren. Niemand hatte einen Grund, gerade seine Tasse toll zu finden. Besitzen allein hat gereicht.
Jetzt stell dir vor, wie stark dieser Effekt bei Objekten mit Geschichte wirkt – dem Werkzeug deines Vaters, deiner Sammlung, der Postkarten aus deiner Jugend. Da kommen noch andere Muster dazu: Verluste tun mehr weh, als Gewinne Freude machen (Kahneman & Tversky, 1979). Was wir mal investiert haben, wollen wir nicht „verschwenden" (Arkes & Blumer, 1985). Russell Belk (1988) hat beschrieben, dass wir Besitz als Teil von uns selbst erleben. Trennung fühlt sich dann an wie ein kleiner Verlust von uns selbst.
Fairerweise: Ganz unumstritten ist der Effekt nicht. Plott und Zeiler (2005) zeigten, dass die Versuchsanordnung einen Teil der Lücke erklärt. Am Kern ändert das nichts: Besitzen verändert, wie wir etwas bewerten.
Warum Zählen hilft
Wenn Besitz das Loslassen schwer macht, was macht es dann leichter? Eine Antwort dazu kommt erstaunlicherweise aus einer Autowaschanlage. Joseph Nunes und Xavier Drèze (2006) verteilten dort Stempelkarten. Eine Gruppe bekam acht leere Felder. Die andere zehn Felder, zwei davon schon abgestempelt. Beide brauchten also acht Wäschen. Trotzdem lösten in der Gruppe mit dem geschenkten Vorsprung 34 Prozent ihre Karte ein, in der anderen nur 19 Prozent. Sichtbarer Fortschritt hat gereicht, um dranzubleiben.
Dazu passt der Goal-Gradient-Effekt: Je näher das Ziel, desto mehr strengen wir uns an (Kivetz, Urminsky & Zheng, 2006). Auf den Keller als naheliegende Analogie, nicht als Aufräumstudie, übertragen heißt das: Wer sieht, wie der Berg schrumpft, macht weiter. Eine Liste zum Abhaken, ein Zähler, der von 40 auf 12 Kisten fällt, ein Inventar, das wächst. Jeder sichtbare Schritt macht den nächsten leichter.
Der Ostrich-Effekt: warum wir gerade dann wegsehen
Kennst du das, dass du die Kellertür lieber zulässt? Das hat einen Namen: Ostrich-Effekt, der Strauß-Effekt (Galai & Sade, 2006). Wir meiden Infos, die wehtun könnten. Karlsson, Loewenstein und Seppi (2009) zeigten das an Anlegern: Wenn die Kurse steigen, schauen sie öfter ins Depot – wenn sie fallen, seltener. Eine Folgestudie mit Daten von über einer Million Anlegern bestätigte das (Sicherman u. a., 2016): Nach Kursrückgängen gingen die Logins um knapp zehn Prozent zurück.
Auf den Keller übertragen: Je voller und chaotischer es wird, desto weniger wollen wir hinschauen. Das Sammlungsinventar, das schon lange nicht mehr stimmt. Der Dachboden nach einem Trauerfall. Genau dann, wenn es „schlimm" ist, wächst der Drang wegzusehen. Deshalb bleiben manche Räume jahrelang unangetastet, obwohl wir genau wissen, was da wartet.
Was Dokumentation dabei leisten kann – und was nicht
Hier hilft ein Trick, den die Forschung ebenfalls kennt: Fotografiere das Objekt, schreibe zwei Sätze dazu. Woher es kommt, was es dir bedeutet. Und trenne dich dann davon. In einer Spendenstudie gaben Leute deutlich mehr ab, wenn sie vorher ein Foto gemacht hatten (Winterich, Reczek & Irwin, 2017). Der Grund: Was wir eigentlich behalten wollen, ist meist die Geschichte, nicht das Objekt.
Drei Dinge passieren, wenn du dokumentierst. Aus „das ist irgendwie wertvoll" wird ein klarer Eintrag: was es ist, woher, in welchem Zustand. Das nimmt dem Gefühl die Wucht, ohne die Erinnerung zu löschen. Du siehst Fortschritt – jedes erfasste Stück ist ein abgehakter Schritt, wie bei der Stempelkarte. Und du musst den Keller nicht mehr meiden, weil du weißt, was da steht.
Was Dokumentation nicht kann: die Entscheidung für dich treffen. Sie ersetzt kein Gespräch mit der Familie darüber, was bleiben soll. Und wenn das Ansammeln oder Loslassen zur echten Belastung wird, ist sie kein Ersatz für Hilfe von Menschen, die sich damit auskennen. Ein Foto macht die Trennung leichter. Die Trennung selbst bleibt bei dir.
Wenn du so weit bist, findest du beim Anlass Entrümpeln einen konkreten Einstieg. Wie sichtbarer Fortschritt beim Dranbleiben hilft, liest du unter Warum das Aufschreiben von Fortschritt beim Erreichen von Zielen hilft. Und wer noch einen Schritt früher ansetzen will: Ordnung schaffen.
OWNAMIC ist eine Plattform für die private Dokumentation von Besitz, Belegen, Wartungshistorien und Herkunftsnachweisen. Dieser Beitrag fasst Forschung allgemein zusammen und ersetzt keine psychologische, medizinische oder sonstige fachliche Beratung.
Quellen
- Thaler, R. H. (1980). Toward a Positive Theory of Consumer Choice. Journal of Economic Behavior & Organization, 1(1), 39–60.
- Kahneman, D., Knetsch, J. L., & Thaler, R. H. (1990). Experimental Tests of the Endowment Effect and the Coase Theorem. Journal of Political Economy, 98(6), 1325–1348.
- Kahneman, D., & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–291.
- Arkes, H. R., & Blumer, C. (1985). The Psychology of Sunk Cost. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 35(1), 124–140.
- Belk, R. W. (1988). Possessions and the Extended Self. Journal of Consumer Research, 15(2), 139–168.
- Plott, C. R., & Zeiler, K. (2005). The Willingness to Pay–Willingness to Accept Gap, the "Endowment Effect", Subject Misconceptions, and Experimental Procedures for Eliciting Valuations. American Economic Review, 95(3), 530–545.
- Nunes, J. C., & Drèze, X. (2006). The Endowed Progress Effect: How Artificial Advancement Increases Effort. Journal of Consumer Research, 32(4), 504–512.
- Kivetz, R., Urminsky, O., & Zheng, Y. (2006). The Goal-Gradient Hypothesis Resurrected: Purchase Acceleration, Illusionary Goal Progress, and Customer Retention. Journal of Marketing Research, 43(1), 39–58.
- Galai, D., & Sade, O. (2006). The "Ostrich Effect" and the Relationship between the Liquidity and the Yields of Financial Assets. The Journal of Business, 79(5), 2741–2759.
- Karlsson, N., Loewenstein, G., & Seppi, D. (2009). The Ostrich Effect: Selective Attention to Information. Journal of Risk and Uncertainty, 38(2), 95–115.
- Sicherman, N., Loewenstein, G., Seppi, D. J., & Utkus, S. P. (2016). Financial Attention. The Review of Financial Studies, 29(4), 863–897.
- Winterich, K. P., Reczek, R. W., & Irwin, J. R. (2017). Keeping the Memory but Not the Possession: Memory Preservation Mitigates Identity Loss from Product Disposition. Journal of Marketing, 81(5), 104–120.